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"Graffiti im Flakturm - Spuren der Zwangsarbeit in Wien"

Eine Ausstellung in der Passagegalerie des Künstlerhauses


Im April 2015 jährt sich die Befreiung Wiens von Nationalsozialismus zum 70. Mal. Aus diesem Anlass soll der bisher wenig beachtete Aspekt der Zwangsarbeit in den Fokus des öffentlichen Geschichts- und Gedenkinteresses gerückt werden.

Eröffnung: 2. April 2015
Ausstellungsdauer: 3. April - 6. Mai 2015
k/haus Passagegallerie (Wien Karte)
Flyer zur Ausstellung
Veranstaltung auf Facebook

Die Wiener Flaktürme, errichtet zwischen 1942 und 1945, sind Produkte von Zwangsarbeit. Zahlreiche österreichische Bauunternehmen waren Nutznießer dieses Unrechts, an das bis heute kaum erinnert wird. Gedenktafeln sucht man an den sechs Flaktürmen bis dato vergebens.

An den Innenwänden des Leitturms im Arenbergpark jedoch dokumentieren hunderte Graffiti von Zwangsarbeitern aus allen Ländern Europas und der Sowjetunion die damalige Anwesenheit einer heute nicht mehr wahrgenommenen Opfergruppe und legen bis heute Zeugnis von der Präsenz der Zwangsarbeiter ab. Derartige Graffiti finden sich in keinem anderen Flakturm. Der Leitturm im Arenbergpark ist somit ein einzigartiger Gedächtnisort, nicht nur für Österreich.

Ungeachtet dessen bleibt das Gebäude der Öffentlichkeit verschlossen.

Anstelle von Führungen durch den ehemaligen Leitturm Arenbergpark im Gedenkjahr 2015, denen die Stadt Wien mit Verweis auf Sicherheitsbedenken nicht zustimmte, zeigt iFAG nun ausgewählte Graffiti aus dem Flakturm in der Passagegalerie des Künstlerhauses.

Historischer Hintergrund


Zwangsarbeit im Nationalsozialismus Das nationalsozialistische Deutschland organisierte im Zweiten Weltkrieg einen bis dahin beispiellosen Masseneinsatz von ausländischen Zwangsarbeitskräften. Die betroffenen Menschen wurden aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt, sie waren Zwangsmaßnahmen unterworfen und vielfach von Krankheit und Tod bedroht. Auf dem Gebiet des heutigen Österreich betrug der Anteil ausländischer Arbeitskräfte im September 1944 über 25%, das sind 567.000 Personen. Hinzu kommen 250.000 zwischen 1940 und 1944 zur Arbeit eingesetzte Kriegsgefangene.

Der Zwangsarbeitseinsatz hatte für viele Gruppen einen lebensbedrohenden Charakter: Zwangsarbeiter waren in Barackenlagern völlig inadäquat untergebracht, unzureichend ausgestattet und ernährt, Vorwürfen der "Arbeitsunwilligkeit" oder "Sabotage" ausgesetzt, die Gestapohaft, eine Internierung in einem "Arbeitserziehungslager" oder die Deportation in ein Konzentrationslager zur Folge haben konnten.

Heute gibt es keinen Gedenktag, an dem ehemalige Zwangsarbeiter oder deren Angehörige an die Stätten der Zwangsarbeit wiederkehren würden, kein Denkmal, an dem wir hier ihrer gedenken würden. Die ehemaligen 170 Zwangsarbeiterlager von Wien existieren heute nicht mehr, Informationen vor Ort fehlen. Diese Menschen sollen nicht vergessen werden. Wenn wir heute nicht bewusst an die Zwangsarbeiter erinnern, verweist im Wiener Stadtbild nichts mehr auf sie.

Graffiti-Sammlung

iFAG führt seit 2008 bauhistorische Bestandsaufnahmen, archäologische Grabungen sowie Archiv- und Zeitzeugenrecherchen zum Thema Flaktürme und Zwangsarbeit durch. Im ehemaligen Leitturm Arenbergpark nahm iFAG alle authentischen Spuren aus seiner Erbauungs- und Nutzungszeit auf und dokumentierte unter insgesamt 870 Befunden 240 Graffiti von Zwangsarbeitern sowie zivilen und militärischen Nutzern des Flakturms.

Die Fotosammlung von iFAG besteht aus über 240 Foto­Prints von Graffiti, Zeichnungen und Wandbeschriftungen aus den Stockwerken EG bis 8.OG des ehemaligen Leitturms im Arenbergpark.

Die Graffiti und Zeichnungen sind in Bleistift, Kreide oder Kohle auf die Ziegel- und Stahlbetonwände oder auf Einbauteile aus Holz aufgetragen, daneben gibt es viele Ritzungen in den Ziegel, Verputz oder Wandanstrich.

Inhaltlich handelt es sich um Namen, Initialen, Datumsangaben, Ortsbezeichnungen, widerständige Aussprüche und Sehnsuchtsbekundungen. Einige Graffiti sind aufgrund des schlechten Erhaltungszustands bzw. der Handschrift nicht mehr entzifferbar.

Die Zeichnungen geben Häuser, Bauwerkzeug, Panzer, Flugzeuge, Porträts oder Karikaturen wieder. Daneben finden sich Zahlen und Bauangaben sowie Zahlenspiele zum Zeitvertreib.

Viele Graffiti sind eindeutig den beim Bau der Flaktürme eingesetzten Zwangsarbeitern zuzuordnen, die meisten stammen von Franzosen, Italienern, Tschechen und Sowjetbürgern. Andere Graffiti sind von Zivilisten während des Fliegeralarms angefertigt worden, manche stammen von der Wehrmacht.

In der aktuellen Ausstellung werden rund 40 ausgewählte Graffiti der Zwangsarbeiter aus dem Leitturm Arenbergpark präsentiert. 70 Jahre nach der Befreiung Wiens soll sie als temporärer Gedenkraum und „Außenstelle“ des eigentlichen Mahnmals im Arenbergpark dienen und den Besuchern ein Gespür für die Einzelschicksale hinter den flüchtig auf Beton und Ziegeln angebrachten Schriftzügen vermitteln.